"Wenn wir die Wissenschaften wegen ihrer Errungenschaften preisen, muss unser Lob für die alten Mythen noch viel grösser sein, weil deren Fortschritte unvergleichlich grösser waren: die Erfinder der Mythen führten die Kulturen ein, während die Wissenschaftler sie – und durchaus nicht immer zum Besten veränderten." (Paul Feyerabend)

 

 

Astrologie und astrologische Psychologie

Vordergründige Täuschung oder Hintergründige Erkenntnis...

Ich habe im Wesentlichen 2 verschiedene Typen von Gesprächspartner Innen kennen gelernt. Diese, die sich für Astrologie (meist schon längere Zeit) interessieren, und das eine oder andere Buch zu Hause liegen haben. Und jene, die kurz nachdem ich mich zur Astrologie bekannt hatte, einen etwas anderen Ausdruck in ihrem Blick bekommen. Die meisten dieser Gesprächspartner Innen sagen dann aber höflichkeitshalber nicht, dass sie davon nichts halten, das Thema verebbt aber meist doch recht rasch.

Die Astrologie muss in Bezug auf ihre gesellschaftliche Aktzeptanz schon seit sehr langer Zeit eine sehr starke Polarisierung akzeptieren, auch wenn die Zeiten günstigerweise vorbei sind, in denen Astrologinnen und Astrologen für ihre Ansichten verbrannt oder eingesperrt wurden. Wie viele andere kulturelle Wurzeln der europäischen Kultur wurde auch die Astrologie in Mesopotamien geboren und hat sich über die Jahrtausende hinweg verändert und entwickelt. Unsere "europäisch-westliche" Astrologie ist, so scheint es mir, ebenso einem Wandel unterworfen. Aktuell scheint die "klassische Astrologie", die versucht, exakte deterministische Prognosen zukünftigen Schicksals zu erstellen, immer seltener zu werden.

Entwicklung der Persönlichkeit als Schwerpunkt der psychologischen Astrologie

Die moderne Astrologie ist eine psychologische Astrologie. Sie legt ihren Schwerpunkt auf die "Entwicklung der Persönlichkeit" bzw. "Entfaltung der eigenen Anlagen". Die Persönlichkeit soll "ihrer Bestimmung und Anlage entsprechend atmen und gedeien". In dieser Forderung deckt sie sich weitreichend mit Forderungen der Tiefenpsychologie, der Humanistischen oder Systemischen Psychologie. Allein das Diagnoseinstrument ist ein sehr besonderes - das Horoskop.

Je nach dem Stand der Planeten - und da ist die Astrologie mystisch und nicht kausal verstehbar - ergibt sich ein höchstpersönliches Konglomerat an bestimmt gelagerten Anlagen. Diese Anlagen können "herausgelesen und interpretiert" werden. Das Ergebnis ist ein individuelles Anlagen- und Eigenschaftenkonglomerat, das nur auf diesen einen Menschen zutrifft. Weiters können auch bestimmte "Themen" die das zukünftige "Schicksal" bringen wird, grob umrissen werden. Man spricht von Zeitqualität. Dabei liegen Schwerpunkte der persönlichen Auseinandersetzung auf diesem oder jenem Persönlichkeitsbereich und das wird einmal angenehmer und ein andermal weniger angenehm empfunden.

Die Anwendungsgebiete sind, wie man sich vorstellen kann, sehr vielfältig. Die Astrologie wurde zeitlebens nicht nur im privaten Bereich eingesetzt sondern auch immer wieder in politische oder gesellschaftliche Entscheidungsfindungen einbezogen, und ebenso lange, oft zurecht, kritisiert. Von Kaiser Augustus ist eine umfangreiche Astrologie-Orientierung überliefert. Man spricht bei ihm von "dem ersten römischen Kaiser, der seine Politik ausdrücklich nach astrologischen Gesichtspunkten gestaltete..." ( von Stuckrad, Kocku (2003). Geschichte der Astrologie. München). Ein mittelalterliches Beispiel wäre Kaiser Friedrich II (1194-1250) an dessen Hof in Palermo mehrere gelehrte Berater tätig waren. Unter anderem Michael Scotus (Philosoph, Mediziner, Alchemist und Astrologe). Er beriet den Kaiser in astrologisch-philosophischen Fragen und verfasste medizinisch-astrologische Schriften. (Berndt, Stephan (2011). Hellseher und Astrologen im Dienste der Macht. Graz). Viele weitere Vertreter im gesellschaftlich-politischen Umfeld wären über die Jahrhunderte zu nennen. Als relativ zeitgenössisches Beispiel sei hier noch Francois Mitterand erwähnt. Er ließ sich von Elizabeth Teissier wiederholt beraten und machte keinen Hehl daraus, Madame Teissier, von der Öffentlichkeit beobachtet, in den Elysee Palast zu laden.

Natürlich wurde die Astrologie ebenso stark kritisiert und bekämpft. Einerseits aus "Glaubensgründen" von der katholischen Kirche, andereseits von Denkern und Philosophen, die in detaillierten Orakelsprüchen und Weissagungen oft berechtigterweise ein großes Unheil entdeckten.

In unseren technisierten und von der Naturwissenschaft dominierten Tagen ist die Astrologie zumindest im akademischen Bereich kaum akzeptiert. Hier allerdings wird weniger die philosophische Sichtweise der Astrologie kritisiert, sondern vielmehr die nicht Erfüllung der naturwissenschafltlichen Forderung nach Messbarkeit und kausaler Wirkung. Beide Forderungen betreffend greifen bis dato naturwissenschafltiche Experimente nicht. Bis dato konnte die Astrologie durch naturwissenschaftlich anerkannte Experimente oder Messmethoden weder belegt noch widerlegt werden. Die Astrologie ist für die Naturwissenschaft (mit den aktuellen Messmethoden) nicht greifbar. Sehrwohl aber kann sie Geistes- und Kulturwissenschaftlich beforscht und in Teilaspekten begriffen werden.

Astrologische Psychologie liefert hochinteressante Aspekte in Kombination mit klassischen Elementen der Personalpsychologie...

Die "astrologische Psychologie" findet ein breites Feld an Anwendungen im privaten und betrieblichen Bereich. Sie kann im Rahmer der Personalpsychologie, dem HR-Bereich, der Arbeits- und Organisationspsychologie wunderbar als komplementäres diagnostisches Instrument mit den herkömmlichen Instrumenten kombiniert werden und liefert hoch interessante Perspektiven und Aspekte. Nicht nur im Bereich des Profiling sondern auch im permanenten setting des management consulting liefert die Astrologie als Instrument eine ungeheure Schlagkraft, wenn man sich ihr öffnet...

 

Eine Geschichte der Geschichte...

Im Alten Rom arbeiteten (unter Julius Cäsar 16) Auguren im römischen Beamtenstatus als Seher. Sie hatten Priesterähnlichen- oder Priesterstatus und sollten durch verschiedene seherische Techniken herausfinden, wie es um das künftige Schicksal einzelner Unternehmungen oder Personen stand. Man mag davon halten was man möchte, ein besonders berühmter Fall geht durch den Verwaltungsbeamten und Schriftsteller Gaius Suetonius Tranquillus genannt Sueton in die Geschichte ein...

Der Augur Spurinna warnt Julius Cäsar mit seinen berühmten Worten "Hüte dich vor den Iden (römische Festtage in der Monatsmitte) des März": (Suet.Ceas.81)

Sed Caesari futura caedes evidentibus prodigiis denuntatia est. (Cäsar aber ist der bevorstehende Mord durch klare Vorzeichen verkündet worden.)

Spurinnamque irridens et ut falsum arguens, quod sine ulla sua noxa Idus Martiae adessent. (Er (Cäsar) verhöhnte Spurinna und bezeichnete ihn als falschen Propheten, weil die Iden des März ohne irgendeinen Schaden für ihn selbst jetzt da wären.

quamquam is venisse quidem eas diceret, sed non praeterisse. (Jedoch entgegnete dieser, das sie zwar gekommen, aber noch nicht gegangen seien.) (Suet.Ceas.81)

 

Psychologie, Lehre der Einsicht, der Reflexion und Selbsterkenntnis

Naja, sie war schon einmal moderner, die Kunst der Innenschau und der Bewusstseinserweiterung in ihrer tiefgehenden und reflexiven Form. Heute wird unter Psychologie zumindest im zentraleuropäischen Raum in erster Linie die "naturwissenschaftliche Psychologie" verstanden. Ein meist biologistischer Zugang, man möchte den Menschen "messbar" machen. Sein Erleben wenn möglich in Zahlen ausdrücken. Der Begriff der "Psyche" wird nur mehr selten im eigentlichen Sinne der "Seele" verwendet. Heute spricht man von der "Wissenschaft des Erlebens und Verhaltens". Beides begriffliche Entitäten, die der naturwissenschaftlichen Forderung nach Mess- und Replizierbarkeit besser genügen als das alte Verständnis um die Seele.

Es gibt allerdings vereinzelt noch universitäre Institute für Psychologie in unseren Landen, die einen "Geistes- und Kulturwissenschafltichen" Zugang pflegen. Diese Art der Psychologie entspricht dem Verständnis der alten Lehrer eher. Die drei großen Tiefenpsychologen Freud, Adler, und Jung betrieben ebenso im Wesentlichen diese alte Art der Psychologie wie viele spätere Vertreter der humanistischen oder der systemischen Psychologie. Diese Art des Zugangs zum Menschen und seinem seelischen Erleben hat sich irgendwann im beginnenden 20. Jhd. von der damals neuen "naturwissenschafltichen Psychologie" abgespalten und in den verschiedenen psychotherapeutischen Schulen und der Psychotherapiewissenschaft weiterentwickelt.

Am geistes- und kulturwissenschafltichen Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt, eines der wenigen Institute, das diese alte Art der Psychologie vertritt, habe ich diese Art des Zugangs kennen und sehr hoch schätzen gelernt. Es ist dies eine tiefgehende Psychologie, die sich mit dem Menschen denkend und erkennend und kaum mathematisch errechnend aus einander setzt.

Viele Elemente der naturwissenschafltichen Psychologie sind praktisch und in einem gewissen Rahmen gut einsetzbar. Ich verwende in der arbeitspsychologischen Diagnostik seit Jahren die üblichen und gängigen Testverfahren zu den Bereichen Leistungsdiagnostik (IQ, Konzentrationsleistung, Lernfähigkeit etc.) und Persönlichkeitsdiagnostik (Grundpersönlichkeit, Soziale Aspekte der Persönlichkeit, Risikoneigung, Berufsorientierung, und vieles mehr.)

Diese Mittel der psychologischen Diagnostik sind vielfach erprobt und bewährt. Dennoch ist die Tiefenschärfe und allgemeine Genauigkeit der diagnostischen Verfahren zum größeren Teil oft nicht befriedigend. Es können grobe Neigungen und Tendenzen erkannt werden, die zudem meistens auf der Selbstbeurteilung der Probanden aufbauen. Es bestehen hier bekannte Probleme der "verzerrten Selbsteinschätzung" und der "Tendenz der sozialen Erwünschtheit - ein Testproband füllt einen Test u.U. so aus, wie er glaubt, sich selbt besser darstellen zu können als es der Realität entspricht.) Diese Probleme sind bekannt, müssen aber oft mangels Alternativen akzeptiert werden.

Das Horoskop als komplementäres diagnostisches Instrument in der Diagnostik

Ich verstehe das Horoskop nicht als Ersatz dieser klassischen diagnostischen Mittel sondern als komplementäre Ergänzung. Als Zusatzperspektive, die im Einzelfall eine enorme Steigerung der Tiefenschärfe und Differenziertheit der diagnostischen Aussage bewirken kann. Im Gemeinsamen entsteht ein deutlich schärferes Bild der Persönlichkeit einer Person, das zudem auch in verhältnismässig kurzer Zeit erstellt werden kann.